Wir erben – wir Erben

Kulturlandsgemeinde 2015, Heiden

Der Tanz ums Erbe(n)

Die Kul­tur­lands­ge­mein­de 2015 ging dem Erben und Ver­er­ben auf die Spur. Im Kur­saal Hei­den, einem be­deu­ten­den kul­tu­rel­len Erb­stück der Ge­mein­de, im Kur­ort mit Blick über den Bo­den­see frag­te das Fes­ti­val nach dem, was un­se­re Ge­sell­schaft für nach­fol­gen­de Ge­ne­ra­ti­o­nen als wert­voll und be­deut­sam de­kla­riert. Die Kul­tur­lands­ge­mein­de un­ter­such­te, was den Men­schen mit Genen in die Weite ge­legt wird: Ta­len­te und Be­ga­bun­gen oder der Hang zur Me­lan­cho­lie, an­ge­bo­re­ne Ei­gen­hei­ten oder kre­a­ti­ve Ener­gi­en. Und selbst­ver­ständ­lich ging es auch um Geld und Güter – viele, we­ni­ge oder gar keine. Wäh­rend zwei Tagen tausch­ten sich Fach­leu­te aus Kul­tur, Po­li­tik und Ge­sell­schaft zu­sam­men mit dem Pu­bli­kum über die Di­men­si­o­nen und Wege, Seg­nun­gen und Hin­der­nis­se des Er­bens und Ver­er­bens aus.

«Eine Erbschaft können wir verdienen, indem wir sie fruchtbar machen.»

Fotos: Hannes Thalmann

«Kultur als Ergebnis eines In- und Miteinanders gesellschaftspolitischer und künstlerischer Haltungen»

Mitwirkende

Ueli Alder
Ba­r­ba­ra Bet­schart
Marie-Loui­se Däh­ler
Hel­ve­tic Fidd­lers
Agnes Hirschi
Nor­bert Hoch­reu­te­ner
Erika Kol­ler
Ul­ri­ke Lang­bein
Kurt Lü­scher
Fredi M. Murer
Nor­bert Näf
Fran­zis­ka Schläp­fer
Fran­zis­ka Schürch
Ro­land Scot­ti
Co­rin­ne Spil­ler
Julia Sut­ter
Laura Vogt
Maja Wicki-Vogt
Anita Zim­mer­mann

Konzeptgruppe

Mar­grit Bürer
Heidi Ei­sen­hut
Gisa Frank
The­res In­au­en
Gal­lus Knecht­le
Petra Schmidt
Han­spe­ter Spör­ri
Ueli Vogt

Drei Platt­form-Ge­sprä­che wid­me­ten sich dem, was wir freud­voll und mit Leich­tig­keit oder un­g­lü­ck­lich und als Last (ver-)erben: Geld und Güter, Kör­per und Gene, Wis­sen und Werte, Tra­di­ti­o­nen und Ge­schich­ten. Je­weils zum Auf­takt luden die Mu­si­ke­rin Ba­r­ba­ra Bet­schart und die Tän­ze­rin­nen Gisa Frank und Erika Kol­ler zu ei­ni­gen Tanz­schrit­ten. Aus der Air­brush-Pis­to­le der Künst­le­rin Anita Zim­mer­mann wu­cher­te wäh­rend des Fes­ti­vals ein Stamm­baum, wel­cher Be­zie­hun­gen zwi­schen dem Hier und Jetzt, Ver­gan­ge­nem und Zu­künf­ti­gem sicht­bar mach­te. Die Au­to­rin­nen Julia Sut­ter und Laura Vogt hiel­ten die Ge­schich­ten rund um die von den Be­su­cher:innen mit­ge­brach­ten Erb­ge­gen­stän­de fest. Die Rechts­an­wäl­tin Co­rin­ne Spil­ler bot eine Be­ra­tung rund um Fra­gen des (Ver-)Er­bens an. Es gab eine Juke­box mit einem Ar­chiv von Tönen, Ge­räu­schen und Musik aus dem Ap­pen­zel­ler­land und Hei­de­n­er Schü­ler:innen zeig­te ihre An­sich­ten zum Heute und Mor­gen. Eine Ausstel­lung, ku­ra­tiert von Ro­land Scot­ti, ver­sam­mel­te Werke, die Künst­ler:innen der Re­gi­on einer künf­ti­gen Ge­ne­ra­ti­on hin­ter­las­sen wol­len. Das Pu­bli­kum wähl­te dar­aus per Hand­mehr zwei Werke, die als Teil des kul­tu­rel­len Erbes in die kan­to­na­le Kunst­samm­lung von Ap­pen­zell Aus­serr­ho­den ein­gin­gen. Am Sams­tag­abend fei­er­te die Aus­serr­ho­di­sche Kul­tur­stif­tung ihr 25-jäh­ri­ges Jub­liä­um, das ge­mein­sa­me Tan­zen zur Musik der Hel­ve­tic Fidd­lers stand dabei im Zen­trum.

Am Sonn­tag­mor­gen wurde die Stif­tung Erb­pro­zent Kul­tur vor­ge­stellt. Die Idee zur Kul­tur­stif­tung war bei den Vor­be­rei­tun­gen zum Fes­ti­val ent­stan­den und ist in die­sem Sinne ein Ver­mächt­nis der Kul­tur­lands­ge­mein­de. Nach der Ver­le­sung der Send­schrift hielt der Fil­me­ma­cher Fredi M. Murer die Sonn­tags­re­de zum Thema.

Erinnerungen

Ehrlich gesagt war mir, nach meinem Wechsel 2006 vom Kirchner Museum Davos an das Kunstmuseum Appenzell, die Kulturlandsgemeinde Appenzell Ausserrhoden ebenso fremd und befremdend wie die politische Landsgemeinde in Appenzell Innerrhoden: Rituale der Souveränität. Zumindest die Kulturlandsgemeinde entpuppte sich im Lauf der Jahre als sinnvolles Instrument, einen erweiterten Kulturbegriff im Appenzellerland zu verankern: Kultur als Ergebnis eines In- und Miteinanders gesellschaftspolitischer und künstlerischer Haltungen. Das Forum, an dem potentiell alle Menschen aktiv teilhaben konnten, wurde so, wenn auch nur für Augenblicke, zur relevanten Realisation einer Utopie: der Möglichkeit, gemeinsam und lustvoll an der Gestaltung einer lebendigen und lebenswerten Zukunft zu arbeiten. Das ist wenig und doch sehr viel.

Roland Scotti, Kunstwissenschaftler und Kurator

Wehmütig und leicht neidisch nehme ich – mit 83 – zur Kenntnis, dass die Kulturlandsgemeinde erst 20 wird. Dennoch trägt dieses noch junge Wesen ein uraltes Erbe in sich, nämlich die Urform der Demokratie, welche seit dem Spätmittelalter durch Erheben der Hand im Ring die Zusammengehörigkeit kultivierte.

Da ich als Filmer mit Nidwaldner Wurzeln durch mein Engagement gegen das Atomendlager im Engelbergertal dazu beitrug, dass die dortige Landgemeinde wegen undemokratischen Machenschaften nach 700 Jahren abgeschafft wurde, empfand ich es als besondere Ehre, an der Kulturlandsgemeinde von 2015 als Sonntagsredner zu amtieren, und dies erst noch zum feinsinnig-doppelbödigen Thema: «Wir erben – wir Erben». Diese drei Tage in Heiden werden mir als eine grosse, warme Umarmung in Erinnerung bleiben.

Fredi M. Murer, Filmemacher

Ich war damals aufgeboten, das Erben zu rechtfertigen. Tatsächlich bin ich ja eine Erbin, wenn auch speziell. Befreundet mit der Eigentümerin eines Grundstücks in Zollikon, pflegte ich über viele Jahre ihren Garten, ganz ohne Spekulation, ich bin eine Garten-Närrin. Als die Besitzerin alt wurde, sich zum Sterben legte, wollte sie den Garten am liebsten in meinen Händen sehen – und vermachte mir das Grundstück. In meinem Referat sprach ich davon, dass man das Erbe immerzu weiter rechtfertigen soll. Ich brachte den Garten in eine neue Entfaltung, er ist jetzt zu jeder Jahreszeit eine Pracht. Das sehe ich noch immer so. Eine Erbschaft können wir verdienen, indem wir sie fruchtbar machen. Nun bin ich selber alt. Und habe Mühe, Jüngere zu finden, die sich an so etwas Unwägbares wie einen Garten verschwenden wollen.

Franziska Schläpfer, Journalistin und Autorin
Apfelbaum
Brücke
Atomkraftwerk
DNA
Gesetz
Geige
Geld
Verwandtschaft
Kuchen
Klammer
Sprechblasen
Testament
Mitten am Rand

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